Herstellung wiederverwendbarer Wachstücher an der hessischen „Umweltschule – Lernen und Handeln für unsere Zukunft“ Gesamtschule am Gluckenstein

2011 wurde die Gesamtschule am Gluckenstein mit dem Titel „Umweltschule“ durch das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sowie das Hessische Kultusministerium ausgezeichnet. Seitdem kommen kontinuierlich neue, kreative Projekte hinzu, um die Umwelt- und Nachhaltigkeitsbildung weiter auszubauen und die fortlaufende zweijährige Wieder-Auszeichnung zu garantieren.

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Zwei Bienenstöcke auf einer Wiese
Claudia Ludig trägt mit der Leitung ihrer Bienen AG zur Bildung für nachhaltige Entwicklung an der Gesamtschule am Gluckenstein bei. Im Interview hat sie berichtet, welche Rolle selbst hergestellte Bienenwachstücher ihrer Schülerinnen und Schüler bei der Plastikvermeidung spielen.

 
Frau Ludig, wie hat sich die Gesamtschule am Gluckenstein auf den Weg zur Hessischen Umweltschule gemacht? Welche Maßnahmen oder Projekte haben Sie umgesetzt? Mit welchen Ideen beschäftigen Sie sich aktuell?

An unserer Schule finden regelmäßig Nachhaltigkeitstage und zahlreiche Projekte statt. Seit 16 Jahren nehmen beispielsweise jeweils alle Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse mit ihren Klassenlehrerinnen und -lehrern an der Aktion „Sauberhafter Schulweg“ teil und sammeln Müll auf umliegenden Straßen und Wegen ein. Diese Aktion soll ein Bewusstsein dafür schaffen, wie groß das Müllaufkommen ist. Ein wesentlicher Schritt ist anschließend, die Müllvermeidung in den Blick zu nehmen.

Auf unserem Weg zur Hessischen Umweltschule haben wir Nachhaltigkeitsthemen weiter in unseren Schulalltag integriert. In diesem Zusammenhang wurde unter anderem die Bienen-AG gegründet und Kolleginnen riefen darüber hinaus eine Umwelt-AG ins Leben. Beide AGs sind an der Gesamtschule am Gluckenstein zudem fest als Wahlpflicht-Unterrichts-Programme integriert.

Die Umsetzung dieser Maßnahmen haben wir schriftlich dokumentiert und durch Fotos ergänzt. Eine Jury, die sich aus Vertretungen der betreuenden Umweltzentren z. B. Lehrkräften sowie Vertretungen des Hessischen Kultusministeriums (HKM) und des Hessischen Umweltministeriums (HMUKLV) zusammensetzt, hat dann über die Auszeichnung entschieden. Eine Verleihung der Auszeichnung Hessische Umweltschulen erfolgt dann durch die beiden Ministerien HKM und HMUKLV.

Sie leiten die Bienen AG, die als ein zentrales Element der Umwelterziehung und -bildung in Bezug auf die Nachhaltigkeit an Ihrer Schule verankert ist. Wie ist die AG entstanden und in welchem Rahmen können die Schülerinnen und Schüler daran teilnehmen?

Vor neun Jahren kam ein Imker, Herr von Bernuth, auf unsere Schulleitung zu und fragte an, ob es eine Biologie-Lehrkraft gäbe, die Interesse daran hätte, den Kindern und Jugendlichen das Imkern und die ökologische Bedeutung der Bienen für unsere Natur näherzubringen. Begeistert nahm ich mich dieses wichtigen Themas an und ließ mich durch Herrn von Bernuth zur Imkerin fortbilden, wobei er seine Erfahrung aus über 60 Jahren Tätigkeit als Imker weitergab.

Anschließend zogen zwei Bienenstöcke auf das Gelände ein. Wir boten die Bienen-AG als Wahlpflichtfach für die Jahrgangsstufen 7-10 der Realschule sowie des Gymnasiums an. Die Schülerinnen und Schüler haben seitdem halbjährlich die Möglichkeit, die Bienen-AG als zweistündiges Wahlpflichtfach am Nachmittag zu belegen.

Aufgrund meiner Erfahrung habe ich die Teilnehmerzahl auf zehn Schülerinnen und Schüler begrenzt, sodass sich jede und jeder aktiv einbringen kann. Da das Interesse und die Nachfrage auch in den jüngeren Jahrgangsstufen hoch ist, baue ich, wann immer es passt, in meinen regulären Stunden sowie in den Vertretungsstunden ebenfalls Inhalte aus der Bienen-AG ein.

Welche Inhalte vermitteln Sie den Schülerinnen und Schülern im Rahmen der Bienen-AG?

Die Kinder und Jugendlichen übernehmen alle Aufgaben, die im Laufe des Bienenjahrs anfallen und werden dafür selbst aktiv. Das ist besonders wichtig, weil die (körperlichen) Aktivitäten eine schöne Abwechslung zum theoriebetonten Unterricht am Vormittag darstellen.

Im Frühjahr kümmern sich die Schülerinnen und Schüler beispielsweise um die Aussaat von bienenfreundlichen Blumen auf dem Schulhof und in der Umgebung. Später werden Bienenkisten gestrichen, Wachsplatten eingelötet, Kerzen gegossen und natürlich der eigene Honig geschleudert sowie abgefüllt. Dafür basteln wir in der AG Etiketten und entwerfen Flyer für den Verkauf unseres Honigs.

Zudem stehen des Öfteren Honigverkostungen und Koch-Events an - letztere sind bei den Kindern und Jugendlichen besonders beliebt. Neben diesen praktischen Aufgaben gebe ich theoretischen Input zur Bienenhaltung, Bienensterben, den Aufgaben einer Imkerin bzw. eines Imkers sowie dem Aufbau von Bienenvölkern. Auf dem Weihnachtsmarkt wird der eigene Honig schließlich verkauft – oft inklusive einer Samentüte zur Aussaat für bienenfreundliche Blumen.

Die Schülerinnen und Schüler lernen in der abwechslungsreichen AG den Wert und die Wichtigkeit von Bienen in Bezug auf Umweltschutz und Biodiversität kennen.

Neben der Honigerzeugung produzieren Sie mit den Schülerinnen und Schülern auch Bienenwachstücher, die von den Kindern und Lehrkräften als umweltfreundliche und plastikfreie Alternative zu Alu- und Frischhaltefolien sowie Brottüten verwendet werden. Wie kam es zu dieser Idee und wie erfolgte die Umsetzung?

Auf Bienenwachstücher wurde ich zum ersten Mal bei dem Besuch eines Kunsthandwerkmarkts im Sommer 2018 aufmerksam. Kurz drauf fragte mich ein Schüler im Rahmen der Bienen-AG, ob wir selbst Bienenwachstücher herstellen könnten.

Die Schülerinnen und Schüler fingen daraufhin an zu experimentieren, wie sich die Produktion am einfachsten gestaltet: Wann wird das Wachs in den Stoff eingebügelt und welche Schritte werden durchlaufen? Zeitgleich kümmerte ich mich um die Beschaffung größerer Mengen von zertifiziertem, reinen Bienen-Wachs.

Da wir neben diesem auch Stoffe benötigten, sammelten wir alte Tischdecken und Bettlaken von Mitschülerinnen und -schülern sowie Lehrkräften. Dieser Aufruf für Stoffspenden hat gleich zwei Vorteile: Sie sind kostenlos und bereits mehrmals gewaschen und somit frei von Rückständen. Das ist uns sehr wichtig, da schließlich Lebensmittel darin verpackt werden.

Die Bienenwachstücher verkauften wir anschließend auf dem Weihnachtsmarkt und an der Schule – die kleinen für 2,00 Euro, die größeren für 4,00 Euro. Durch die Einnahmen können wir unsere Ausgaben decken, wobei unsere Preise im Vergleich zu Wachstüchern anderer Hersteller weitaus geringer ausfallen.

Wie ist die Akzeptanz dieser Bienenwachstücher und welche Rolle spielt Plastikvermeidung insgesamt an der Gesamtschule am Gluckenstein?

Die Akzeptanz und Nachfrage nach den Bienenwachstüchern war von Anfang an bei allen Beteiligten hoch. Als wir die Tücher auf dem Weihnachtsmarkt das erste Mal verkauften, waren sie im Handumdrehen vergriffen. Daher haben wir kurzerhand das Bügelbrett aufgebaut und vor Ort Nachschub produziert.

Zudem ist das Thema Plastik - und allgemein Abfallvermeidung - sehr präsent an der Gluckensteinschule. Eine Kollegin organisiert beispielsweise regelmäßig Projekttage zum Thema Mikroplastik. Außerdem setzt sich die Umwelt-AG für Upcycling und Mülltrennung an der Schule ein.

Da auch an Schulen vorab getrennter Müll am Ende gänzlich im Restmüll-Container landet, haben es sich zwei Lehrerinnen zur Aufgabe gemacht, die Mülltrennung an der Schule bis zum Schluss zu gewährleisten. Hierfür wurde ein Papiercontainer angeschafft, in den der Müllbring-Dienst, bestehend aus Schülerinnen und Schüler, seitdem eigenständig die Papierkörbe leeren.

Als nächstes soll dieses Vorgehen analog auf den Plastikmüll übertragen werden: Die Anschaffung eines separaten Containers für Verpackungen ist in Planung.

Für die Mittagsverpflegung an der Gesamtschule am Gluckenstein kochen Eltern und Angehörige ehrenamtlich an vier Tagen die Woche Gerichte aus größtenteils frischen Zutaten. Sind Plastikvermeidung und Nachhaltigkeit hier ebenfalls Themen?

Ja, auch in der Schulverpflegung wird auf Nachhaltigkeit geachtet. So gibt es kein Einweg-Geschirr. Gläser, Teller und Besteck werden gespült und wie zu Hause wiederverwendet.

Zudem achten die Köchinnen und Köche bei der Speisenplanung und dem -einkauf auf Saisonalität und greifen – wo immer möglich – zu unverpackten und unverarbeiteten Lebensmitteln.

Was waren und sind die größten Herausforderungen in Bezug auf die Bildung zu Nachhaltigkeitsthemen sowie zur Plastikvermeidung an der Gesamtschule am Gluckenstein?

Unmittelbare Herausforderungen fallen mir nicht ein. Vielmehr kommt der Wunsch nach Nachhaltigkeit meist von Seiten der Schülerinnen und Schüler selbst.

Die meisten Kinder haben bereits eine reflektierte Haltung zum Thema Nachhaltigkeit und bringen sich mit zahlreichen Ideen ein. Da ist es immer schön, weitere Etappenziele zu beobachten.

Welche Tipps können Sie anderen Schulen mit auf den Weg geben, die ebenfalls Plastik vermeiden möchten?

Ich rate jeder Schule, die Lust darauf hat, es einfach auszuprobieren. Meist genügt es, wenn eine Einzelne oder ein Einzelner den Anstoß gibt. Dann finden sich schnell weitere Menschen, die Ideen beisteuern oder anderweitig unterstützen.

Das gleiche gilt für die Zertifizierung zur Umweltschule. Der erste wichtige Schritt ist die Kontaktaufnahme zu einem der elf hessischen Umweltzentren. Diese stellen den Schulen Beraterinnen und Berater zur Seite, die sie im kompletten Prozess der Zertifizierung unterstützen und begleiten.

Ich selbst arbeite ebenfalls für ein Umweltzentrum und bin Beraterin für andere Schulen, die Projekte planen oder sich direkt zur Umweltschule auszeichnen lassen möchten.

Vielen Dank für diese Tipps und Einblicke! Gibt es darüber hinaus Erfahrungen, die Sie mit anderen Schulen teilen möchten?

Meiner Meinung nach ist es von großer Bedeutung den Schülerinnen und Schülern eigene Verantwortung im Rahmen von Projekten und AGs zu übertragen. Sie denken ohnehin viel über ihre eigene Zukunft nach und packen daher gerne Dinge an, die nachhaltig und umweltverträglich sind.

Ich habe für mich zudem herausgefunden, dass ich als Lehrerin Aufgaben nicht nur vormache, sondern stattdessen in den direkten Dialog mit den Schülerinnen und Schülern trete. Auf diese Weise feilen wir gemeinsam an neuen Ideen und überlegen, was wir als nächstes umsetzen können. Im Endeffekt übernimmt auf diese Weise jede und jeder Einzelne Verantwortung für die eigene, individuelle Zukunft.

Persönlicher Erfahrungsaustausch

Ein persönlicher Austausch unter Kolleginnen und Kollegen ist immer dann besonders wichtig, wenn Schulen vor dem nächsten Entwicklungsschritt stehen und konkrete Fragen zur Erfahrung anderer Schulen mit ähnlichen Situationen haben. 

Die Gesamtschule am Gluckenstein teilt ihre Erfahrung gerne mit anderen Schulen, die sich auf den Weg machen möchten. 

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