Gartenbau an der Unterneustädter Schule in Kassel im Gemeinschaftsgarten „Blücher-Garten“

Die Unterneustädter Schule ist eine Grundschule mit zwei Standorten in Kassel. Neben klassischem Unterricht besuchen die Schülerinnen und Schüler regelmäßig ihr eigenes Beet im „Blücher-Garten“. An diesem außerschulischen Lernort lernen die Kinder alles von der Aussaat bis zur Ernte und probieren ihre selbst angebauten Obst- und Gemüsesorten.

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Ernte im Blücher-Garten

Geleitet wird der Gartenbauunterricht der Schule von Frau Schwansee und Herrn Balcke, dem Inhaber des Blücher-Gartens. Wir haben mit ihnen über den praxisnahen Unterricht im Blücher-Garten gesprochen.

Herr Balcke, wie kam es dazu, dass die Schülerinnen und Schüler der Unterneustädter Schule jetzt regelmäßig zum Gärtnern kommen und sich sogar um eine eigene Parzelle kümmern?

Die Entstehungsgeschichte des „Blücher-Gartens“ beginnt in den 80er-Jahren. Aufgrund der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl im gleichen Jahr, wollten viele Menschen zurück zu mehr Natürlichkeit und Nachhaltigkeit - und so legten wir gemeinsam mit Studierenden sowie Bürgerinnen und Bürgern den Blücher-Garten an. Inzwischen sind es rund 20 Parzellen, die an verschiedene Menschen verpachtet sind - eine davon an die Unterneustädter Schule.

Erste Versuche einer Zusammenarbeit zwischen Blücher-Garten und Unterneustädter Schule gab es bereits 2001. Eine engagierte Lehrerin kam mit ihrer Klasse und wir haben gemeinsam gegärtnert.

Da die Eltern und die Schule als Ganzes nur wenig in den Prozess involviert waren, verlief sich die Kooperation und lag lange still. 2017 kam es im Rahmen einer Elterninitiative zu einem neuen Versuch. Seither pachtet die Unterneustädter Schule eine Parzelle und die Schülerinnen und Schüler nutzen die Parzelle zum Gemüse- und Obstanbau.

Seit 2017 ist die Unterneustädter Schule Teil der Gartengemeinschaft. Ist die Gartenzeit Bestandteil des Lehrplans und fest im Stundenplan verankert?

Jede Woche kommt an einem Vormittag eine Schulklasse in Begleitung der Lehrkräfte zu uns. Dafür müssen die Schülerinnen und Schüler zum Glück nur zehn Minuten von der Schule aus laufen.

Da der Gartenunterricht nicht fest im Lehrplan verankert ist, ist die Frage, ob und wie der Garten für Praxis-Einheiten genutzt wird, abhängig von den jeweiligen Lehrerinnen und Lehrern. Meist kommen die zweiten und dritten Schulklassen zu uns und vertiefen hier ihr Wissen aus dem Heimatkunde- und Sachkunde-Unterricht.

Eine Praxiseinheit umfasst dann rund zwei Schulstunden, die von uns gemeinsam gestaltet und geleitet werden. Dies sind vor allem von der Jahreszeit abhängige Arbeiten draußen im Garten; es gibt aber auch Themen wie die Gartenplanung oder die Kräuter- oder Werkzeugkunde, die mit den Schülerinnen und Schülern im Gartenhaus stattfindet.

Das klingt nach einem sehr abwechslungsreichen Programm. Orientieren Sie sich bei den Unterrichtseinheiten an einem festgelegten Ablauf?

Zuerst versammeln sich alle Schülerinnen und Schüler unter dem Vordach beim Gartenhaus. Wir begrüßen die Kinder und kommen mit ihnen ins Gespräch. Nach den Ferien erzählen sie beispielsweise, ob sie etwas gegärtnert oder andere Erfahrungen in der Natur gesammelt haben. Spannend ist auch, wenn Kinder aus anderen Kulturen in der schulfreien Zeit beispielsweise ihre Großeltern in deren Heimatländern besucht haben, dort auch im Garten waren und von ihren Erfahrungen berichten.

Nach dieser kurzen Gesprächsrunde besprechen wir, was wir in den folgenden Stunden machen. Da die Schülerinnen und Schüler das ganze Jahr über zu uns kommen, gestalten sich diese Einheiten wetterabhängig sehr unterschiedlich. Im Winter planen wir gemeinsam, was wir im Frühling anbauen können oder mischen Tees aus getrockneten Kräutern. Auch die Bewirtschaftung des Gartens und der Umgang mit dem richtigen Gartenwerkzeug wie Spaten oder Rechen wird besprochen.

Bei gutem Wetter gehen wir natürlich raus in den Garten. Dafür überlegen wir uns vorab Aufgaben, die wir in der Begrüßungsrunde dann vorstellen. Die Schülerinnen und Schüler melden sich daraufhin jeweils in Gruppen zu zweit oder zu dritt, um diese zu übernehmen. So lernen die Schülerinnen und Schüler Aufgaben untereinander aufzuteilen und in Teams zu arbeiten.

Die Gartenarbeit gestaltet sich dabei vielfältig: Äpfel sammeln, Physalis ernten, Laub rechen, säen, hacken, Wasser pumpen, umgraben und Heu machen. Natürlich schauen die Kinder zwischendurch immer mal bei anderen Gruppen vorbei und tauschen sich aus. Es ist immer ein schönes Miteinander und wenn die Klassen genug Zeit mitbringen, machen wir eine gemeinsame Brotzeit. Am Ende können die Kinder dann noch die Hühner besuchen oder erkunden, was sich seit ihrem letzten Besuch im Garten verändert hat.

Wir beenden den Gartenbesuch immer mit einem Schlusskreis, bei dem alle Schülerinnen und Schüler berichten, was sie erlebt haben. Es ist schön zu sehen, wie stolz sie dabei sind.

Das sind zahlreiche Aufgaben, die gleichzeitig erledigt und auch betreut werden müssen. Wie gelingt das?

Eine Person betreut meist die Schülerinnen und Schüler, die Arbeiten außerhalb der Parzelle übernehmen. Die andere Person unterstützt die Schülerinnen und Schüler, die im Beet arbeiten.

Zusätzlich ist bei jeder Einheit eine Lehrkraft anwesend, die den Überblick behält. Vor allem, wenn schwerere Arbeiten wie das Umpflügen oder Graben anstehen, unterstützen uns Praktikantinnen und Praktikanten oder Eltern.

Die Schülerinnen und Schüler übernehmen vielfältige Gartenarbeiten. Was sind, Ihrer Meinung nach, die wichtigsten Kompetenzen, die sie hierbei und allgemein im Lernort „Garten“ erwerben?

Neben den gärtnerischen Tätigkeiten erfahren die Schülerinnen und Schüler während der Zeit im Blücher-Garten eine besondere Art der Gemeinschaft. Viele Aufgaben können sie beispielsweise nur in Teams bewältigen. Außerdem wird im Garten oft etwas angefangen, was jemand anderes dann weiterführt oder zu Ende bringt. Dabei denke ich zum Beispiel an die Kürbisernte und die anschließende Gewinnung von Samen, die andere Schulklassen im nächsten Jahr dann wieder ausbringen.

Die Kinder lernen, sich als Teil eines größeren gesamtheitlichen Prozesses einzubringen. Diese geschieht auch bei der Wahrnehmung anderer Erwachsener beim Arbeiten im Garten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Pflegen. Die Kinder lernen, dass ein Garten Pflege bedarf. Gibt man ihm diese, erhält man im Gegenzug etwa leckere Äpfel oder Kartoffeln.

Außerdem fordern die Begegnungen im Garten alle Sinne: Hier wird Kompost angefasst und gefühlt, eine reife Erdbeere gerochen und verschiedene Kräuter geschmeckt.

Die Schülerinnen und Schüler lernen nachhaltig sehr viel bei der Gartenarbeit - und das in lockerer Atmosphäre und ganz ohne Tests (das Resultat der Arbeit ist hier die Ernte).

Nicht zuletzt darf man auch den körperlichen Einsatz nicht vergessen. Das Draußen sein, sich frei bewegen können und selbst etwas entdecken können kommt dem Bewegungsdrang und der Neugierde von Kindern sehr entgegen. Wir arbeiten gleichermaßen mit Kopf, Fuß und Hand, ein ganzheitlicher Einsatz also!

Neben all diesen Vorteilen – welche Herausforderungen gibt es beim Gartenbauunterricht im Schulgarten?

Die größte Herausforderung ist es, eine Kontinuität zu schaffen, also zu erreichen, dass die Schülerinnen und Schüler uns regelmäßig besuchen und die Entwicklung des Gartens miterleben. Dafür müsste der Gartenbauunterricht fest in den Lehrplan aller Schulen und Jahrgangsstufen integriert werden, wodurch wir feste Zeitfenster für den Unterricht mit den Kindern hätten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kommunikation zwischen der Schule, den Eltern und den Kindern. Erscheinen Schülerinnen und Schüler beispielsweise mit ungeeignetem Schuhwerk, können sie bei vielen Arbeiten nicht adäquat mitmachen, was auch die Gruppendynamik beeinflusst.

Ein Aspekt, der für Schulgärten für gewöhnlich herausfordernd ist, bereitet uns im Blücher-Garten so gut wie keine Probleme: Die Schulferien. Da wir ohnehin häufig im Garten sind, können wir diesen auch bewässern oder bearbeiten, wenn die Kinder gerade Ferien haben. Dennoch empfiehlt es sich, bei den angebauten Kulturen darauf zu achten, dass der Erntezeitpunkt möglichst nicht in die Ferien fällt.

Für jede helfende Hand sind dankbar, denn wenn uns Praktikantinnen und Praktikanten oder Eltern mit den Kindern unterstützen, schaffen wir natürlich viel mehr.

Wie wird der Gartenbau-Unterricht finanziert?

Derzeit bieten wir den Gartenunterricht ehrenamtlich und unentgeltlich an. Würde das Fach hingegen fest in den Lehrplan integriert, wie etwa an den Waldorfschulen, stünden Gelder bereit, um unsere Arbeit finanziell zu honorieren.
Ein weiterer schöner Effekt der Implementierung des Gartenbauunterrichts in den Lehrplan wäre, dass noch mehr Schulen aus der Region zu uns in den Garten kommen könnten.

Welche Tipps können Sie anderen Schulen mit auf den Weg geben, wenn sie ebenfalls Gartenbauunterricht in den Schulalltag integrieren möchten?

Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen müssen, um den Kindern Gartenbesuche zu ermöglichen. Vor allem aber ist es wichtig, die Eltern und Lehrkräfte miteinzubeziehen. Zudem sind helfende Hände, zum Beispiel in Form von Praktikantinnen und Praktikanten, nötig - da sind auch wir immer auf der Suche.

Wer sich den Blücher-Garten einmal anschauen oder sich inspirieren lassen möchte, ist jederzeit herzlich willkommen - der Garten ist für alle geöffnet. Am besten einfach kurz bei uns melden, damit wir anwesend sind.

Vielen Dank für diese Tipps und Einblicke! Gibt es noch etwas, das wir bisher nicht angesprochen haben, das Sie aber mit anderen Schulen teilen möchten?

Ein Garten ist nicht nur mit Arbeit verbunden – regelmäßige Feiern stehen ebenfalls auf dem Programm. Im Herbst gibt es immer ein Erntedankfest und alle zwei Jahre veranstalten wir einen Garten-Zirkus. Jeder kann dann etwas darbieten, sei es theatralisch, musikalisch oder in einer anderen Form. Ein Garten ist immer ein Ort der Begegnung und für alle Beteiligten in vielerlei Hinsicht bereichernd.

Exkurs: 

Neben dem Blücher-Garten besuchen die Schülerinnen und Schüler außerdem gelegentlich den Kinder- und Jugendbauernhof als außerschulischen Lernort. Diese Ausflüge werden von den jeweiligen Klassenlehrerinnen und -lehrern organisiert und begleitet.

Frau Sobotta ist Klassenlehrerin einer zweiten Klasse und berichtete uns, was die Schülerinnen und Schüler bei Ausflügen auf den Kinder- und Jugendbauernhof erleben: 

Für die Kinder ist der Besuch auf dem Bauernhof jedes Mal ein Abenteuer. Sie können gärtnern, eigene Beete anlegen, die Tiere streicheln und versorgen. Besonders der Umgang mit den Schafen, Schweinen, Hühnern und Hasen ist für die Kinder sehr wertvoll. Sie lieben es, ganz vorsichtig das weiche Fell der Hasen zu berühren. Gleichzeitig lernen die Schülerinnen und Schüler viel über die verschiedenen Tierarten und darüber, was diese alles fressen.

Neben diesen lehrreichen Begegnungen bleibt auch Zeit zum Spielen, Klettern und Toben. Manchmal mache ich gemeinsam mit den Kindern ein Lagerfeuer oder wir basteln. Jeder Besuch auf dem Kinder- und Jugendbauernhof ist einzigartig und abwechslungsreich.

Persönlicher Erfahrungsaustausch

Ein persönlicher Austausch unter Kolleginnen und Kollegen ist immer dann besonders wichtig, wenn Schulen vor dem nächsten Entwicklungsschritt stehen und konkrete Fragen zur Erfahrung anderer Schulen mit ähnlichen Situationen haben.
 
Die Unterneustädter Schule teilt ihre Erfahrungen gerne mit anderen Schulen, die sich auf den Weg machen möchten.
 
Ansprechpartnerin für die Unterneustädter Schule ist:

Jenny Sobotta
Tel.: 0561 53436 oder 0561 874029
E-Mail: poststelle@unterneustadt.kassel.schulverwaltung.hessen.de
  
Ansprechpartnerinnen für den Blüchergarten sind:

Elisabeth Schwansee
Tel.: 0561 871465
E-Mail: elisabeth.schwansee@gmx.de

und

Christian Balcke
Tel.: 0561 54161

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