Der Schulgarten als praxisnaher Lernort an der Freien Waldorfschule Wiesbaden

From field to fork – Dank Schulgarten wird dieser Trend an der Freien Waldorfschule Wiesbaden schon seit 1992 umgesetzt. Die Schülerinnen und Schüler erfahren hier im aktiven und praktischen Gartenbauunterricht alles über den Anbau von Kartoffeln, Kohlrabi, Roggen, Äpfeln und Co. Zusätzlich lernen sie dabei den natürlichen Geschmack frischer Lebensmittel kennen und wertschätzen

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Schulgarten der Freien Waldorfschule mit Bienenhaus
Marita Weber hat fast 30 Jahre lang als Gartenbaulehrerin an der Freien Waldorfschule Wiesbaden gearbeitet und in dieser Zeit den 4.500 m2 großen Schulgarten mit rund 30 Beeten aufgebaut. Seit Anfang 2020 ist sie im Ruhestand, schaut aber immer noch regelmäßig bei ihrem Kollegen im Schulgarten vorbei. Wir haben mit ihr über die Anfänge des Schulgartens, dessen Vorzüge und den Gartenbau-Unterricht gesprochen.

Frau Weber, Sie waren Gartenbaulehrerin an der Freien Waldorfschule Wiesbaden – wie kam es zum Aufbau eines Gartens an der Schule?

Unser Schulgarten ist ein elementarer Bestandteil der Schule. Er dient als Ort des Lernens, der Begegnung sowie der Erholung.

Nachdem die Schule 1991 an ihren jetzigen Standort gezogen ist, habe ich als Gartenbaulehrerin den Schulgarten angelegt. Damals war dieser noch auf dem Schulhof und nicht besonders groß. Etwas später hat die Stadt Wiesbaden uns direkt angrenzend ein größeres Stück Land in Erbpacht überlassen. Dort habe ich den Schulgarten über die Jahre hinweg zusammen mit den Schülerinnen und Schülern, insbesondere anfangs auch mit den Eltern, gemeinsam zu dem aufgebaut, was er heute ist: ein wundervoller Ort, der von allen genutzt werden kann und uns vielseitig bereichert.

Der Gartenbauunterricht ist an jeder Waldorfschule fest im Lehrplan verankert. Das heißt, es gibt immer mindestens eine Gartenbaulehrerin oder einen Gartenbaulehrer, die oder der sich um den Garten kümmert. Aktuell ist dies Benedikt Schmidt. 

Doch ob Waldorfschule oder nicht: Die Arbeit, die für den Aufbau und die Pflege eines Schulgartens nötig ist, bleibt immer die gleiche.

Im Gartenbauunterricht lernen die Kinder den Garten zu pflegen und Lebensmittel anzubauen. Welche Lebensmittel bauen Sie gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern im Schulgarten an?

Weil wir einen besonders großen Schulgarten haben, bauen wir nicht nur verschiedenste Gemüsesorten, Kräuter und Blumen an, sondern auch Baum- und Beerenobst. Wir probieren natürlich auch immer mal wieder etwas Neues aus. Deswegen gibt es bei uns zum Beispiel neben den Klassikern auch Wassermelonen, Radieschen und Möhren in verschiedensten Farben, Physalis und sogar mexikanische Mini-Gürkchen.

Inspirationen gibt der Saatgutkatalog, zudem können sich die Kinder und Jugendlichen mit eigenen Ideen und Wünschen einbringen. Gemeinsam besprechen wir dann im Unterricht, ob die Lebensmittel in unserem Garten angebaut werden können. Bananen fallen da beispielsweise weg, weil sie hier schlichtweg nicht wachsen würden.

Neben dem klassischen Gärtnern werden auch die Wildkräuter, die auf dem Schulgelände zu finden sind, von uns genutzt. Für die Schülerinnen und Schüler ist dies immer wieder etwas Besonderes. Wir sammeln gemeinsam einige Wildkräuter und verarbeiten diese auf verschiedenste Weise - zum Beispiel zu Teemischungen, Salben oder Brennnesselspinat. Ganz besonders beliebt sind unsere Brennnessel-Chips.

Der praktische Gartenbauunterricht ist Bestandteil im Lehrplan der Klassen 3 bis 10. Welche Lehrinhalte vermitteln Sie während des Schul- bzw. Gartenjahres?

Wie sehr die Kinder einer Klasse im Schulgarten eingebunden sind, hängt jeweils von der Jahrgangsstufe ab. Während bei den 3. und 4. Klassen Gartenbauunterricht tage- oder wochenweise ganz in das Vegetationsjahr eingebunden ist und im Projektformat stattfindet, kommen die 5., 6., 7. und 8. Klassen für zwei Unterrichtsstunden pro Woche das ganze Jahr über zum Gartenbauunterricht.

In der 9. Klasse machen die Schülerinnen und Schüler dann ein dreiwöchiges Landwirtschaftspraktikum auf einem Bauernhof. Inhaltlich und personell eng begleitet vom Gartenbaulehrer Benedikt Schmidt. Das heißt erst die Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse kommen wieder zum Gartenbauunterricht, sofern sie diesen als Wahlpflicht-Fach gewählt haben.

Im Prinzip lernen die Schülerinnen und Schüler bei uns alle gärtnerischen Tätigkeiten, die bei der Gartenpflege und der Instandhaltung wichtig sind, bis hin zu kleineren Projekten aus dem Bereich der Garten- und Landschaftsgestaltung. In der 10. Klasse wird das Veredeln eines Obstbaums gelernt. Das Säen, Pikieren, Pflanzen, Düngen und Gießen, die Bodenbearbeitung und die Pflege gehören zum Alltag im Gartenbau.

Sobald es etwas zu Ernten gibt, übernehmen die Schülerinnen und Schüler gerne das Ernten. Außerdem ist die Verarbeitung von Gemüse, Obst, Getreide und Kräutern in der Küche Teil des Gartenbauunterrichts. Ein besonderer Moment ist der, wenn die Kinder ihre Ernte schön herrichten, um sie beispielsweise in die Mensa zu bringen und dort dem Küchenteam, ansprechend präsentiert, zur Weiterverarbeitung zu übergeben.

Vor zwei Jahren sind auch Hühner auf das Gelände des Schulgartens eingezogen, Bienen beherbergt der Schulgarten schon seit über 20 Jahren. Wer kümmert sich um diese Tiere?

Der Gartenbauunterricht umfasst auch die Tierpflege und Tierversorgung Um die Hühner kümmern sich bei uns immer die Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse – jeweils für ein ganzes Schuljahr. Das bedeutet, dass auch jemand am Wochenende und während der Ferien nach den Tieren sehen muss. Hierfür gibt es Listen, in die sich die Eltern eintragen und diese Sonderdienste gemeinsam mit ihren Kindern übernehmen.

In der Schulzeit übernehmen 2-3 Schülerinnen und Schüler der Klasse wochenweise abwechselnd die Pflege. Das findet im Rahmen der regulären Unterrichtszeit statt. Unser Imker betreut die Bienen ganzjährig und wird dabei von den Fünftklässlerinnen und Fünftklässlern begleitet. So bekommen sie einen Gesamteindruck vom Bienenjahr. Ein echtes Highlight ist natürlich die jährliche gemeinsame Honigernte.

Die Gartenbaulehrerin oder der Gartenbaulehrer behält bei all dem immer den Überblick über den gesamten Garten, koordiniert und leitet die Tätigkeiten an. Diese Lehrkraft ist die durchgängige Konstante über den Gartenbauunterricht in allen Klassen und Jahrgängen.

Das sind vielfältige Aufgaben. Wie viele Gartenbaulehrerinnen und –lehrer gibt es an der Freien Waldorfschule Wiesbaden?

Da wir eine einzügige Schule sind, war ich lange Zeit die einzige Gartenbaulehrerin. Zuletzt habe ich mir dann den Gartenbauunterricht mit unserem neuen Kollegen geteilt. Herr Schmidt ist es jetzt auch, der den Gartenbauunterricht weiterführt.

Die Ausbildung zur Gartenbaulehrerin bzw. zum Gartenbaulehrer kann auf verschiedenen Wegen erfolgen. Wichtig ist neben einer gärtnerischen auch eine pädagogische Ausbildung. Ich beispielsweise bin in einer dörflichen Gärtnerei aufgewachsen und habe dadurch alle Bereiche des Gartenbaus von Kindesbeinen an miterlebt und immer mitgeholfen (das war sehr hilfreich für meine Tätigkeit als Gartenbaulehrerin).

Nach einem Praktikum in einer Baumschule mit Garten- und Landschaftsbau habe ich Gartenbau mit den Fächern Gemüsebau, Baumschule und Staudenanbau studiert. Später habe ich noch ein waldorfspezifisches pädagogisches Studium angeschlossen.

Meiner Meinung nach reicht das Fachwissen im Gärtnerischen alleine nicht aus, um allen Fragen und Herausforderungen im Gartenbauunterricht gewachsen zu sein. Eine praxisorientierte, fundierte Methodik-Didaktik ist unabdingbar und die Motivation der Schülerinnen und Schüler gehören ebenso dazu.

Vor zwei Jahren haben wir uns entschlossen, öffentliche Obstbaumschnittkurse im Schulgarten anzubieten, wobei uns eine externe Expertin unterstützt. Die fachliche Expertise zum Obstbaumschnitt ist eine wertvolle Ergänzung unseres Unterrichts und hilft uns gleichzeitig, unsere Bäume professionell zu pflegen.

Welche Vorteile bringt ein eigener Schulgarten mit sich? Wo sehen Sie neben der praktischen Lehre gärtnerischer Fähigkeiten die größten Vorzüge?

Einen großen Vorteil sehe ich in der Bereicherung der Schülerinnen und Schüler durch die Natur – sie gibt Kraft und hilft, sich zu regenerieren. Für die Kinder ist es ein Ausatmen und Luftholen, ein „sinnvoll-tätig-sein-können“ zwischen den Fächern mit viel Kopfarbeit.

Bei der Arbeit im Gartenbauunterricht kann eine intensivere Beziehung zwischen den Schülerinnen und Schülern und der Lehrkraft entstehen. Im Garten sitzt man ja nicht still hinter seinem Tisch. Die Kinder und Jugendlichen kommen sowohl untereinander als auch mit der Gartenbaulehrkraft ins Gespräch - das macht den Schulgarten zu einem Ort der Begegnung. Hinzu kommt das Lernen von Teamgeist - denn keiner kann ein Beet im Alleingang bewirtschaften.

Ganz besonders ist auch: die Arbeit ist sichtbar! Öfter zeigen die Schülerinnen und Schüler ihren Eltern stolz und voller Freude, was sie gearbeitet und angepflanzt haben und wie alles gedeiht. Das lässt keinen kalt! Das Erleben der Kinder: „Ich habe das geschafft!“, ist sehr stark und positiv für ihre persönliche Entwicklung.

Wird der Schulgarten bei Ihnen auch außerhalb des Gartenunterrichts genutzt?

Da unser Garten nicht abgeschlossen ist, kommen immer wieder Besucherinnen und Besucher zu uns und gehen im Schulgarten und dem großen, grünen Schulgelände spazieren. Natürlich kommen auch Schülerinnen und Schüler regelmäßig außerhalb des Gartenbauunterrichts vorbei, um die Schönheit des Gartens zu bestaunen oder sich mal einen reifen Apfel vom Baum zu holen. Er ist zum einen ein Ort des Tätigseins und zum anderen ein Ort der Ruhe, Schönheit und Entspannung.

Außerdem feiern wir auch regelmäßig im Schulgarten z. B. Erntefeste, bei denen die Schülerinnen und Schüler stolz ihre Erzeugnisse präsentieren können. Wichtig ist, dass der Schulgarten nicht als Selbstbedienungsladen angesehen wird. Natürlich dürfen auch Blumen geschnitten werden. Aber das sollte immer in Rücksprache mit der Gartenbaulehrerin oder dem Gartenbaulehrer erfolgen.

Neben der Gartenarbeit ist auch die Verarbeitung der Ernte Teil des Gartenbauunterrichts. Was wird aus den geernteten Lebensmitteln zubereitet?

Direkt neben dem Schulgarten haben wir einen Gartenbau-Klassenraum, der mit einer kleinen Küchenzeile ausgestattet ist. Hier können wir Kräuter trocknen, verfeinern und weiterverarbeiten, beispielsweise zu Kräutersalz oder Teemischungen, Ölen und Salben. Marmeladen werden gekocht oder Gemüse eingemacht.

Am Ende fast jeder Stunde gibt es eine Kostprobe für alle. Das heißt, wir probieren etwas, was im Garten gerade reif ist und kochen daraus auch kleine Gerichte – dies ist sehr wichtig für die Ernährungs- und Geschmacksbildung der Kinder.

Ein besonderes Projekt ist unsere „Koch-Epoche“. Diese findet für alle Sechstklässlerinnen und Sechstklässler direkt nach den Weihnachtsferien statt, wenn draußen (noch) nicht viel zu tun ist. Die Schülerinnen und Schüler sammeln Rezepte, kochen kleinere Gerichte und kreieren ihr eigenes, kleines Rezepte-Büchlein. Dabei lernen die Kinder und Jugendlichen auch, sich in der Küche zurechtzufinden.

Im schulischen Ganztag wird für die Schülerinnen und Schüler täglich eine warme Mittagsverpflegung vorgehalten. Wie erfolgt hier eine Zusammenarbeit zwischen dem Schulgarten und der Mensa?

Vordergründig produzieren wir natürlich nicht für die Mensa - das Lernen und Erleben bei der Gartenarbeit steht im Vordergrund des Gartenbauunterrichts. Es ist ein pädagogischer Lernort und keine Produktionsstätte im großen Maße.

Bleibt bei der Ernte jedoch etwas übrig, bringen die Schülerinnen und Schüler diese Lebensmittel in die Mensa. Diese Art der Zusammenarbeit funktioniert sehr gut, da die Köchinnen und Köche die Lebensmittel aus dem Schulgarten gerne annehmen und zubereiten. Da alle Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse zudem ein Praktikum in der Mensaküche absolvieren, stärkt dies die Kooperation und Kommunikation zwischen Mensa und Schulgarten zusätzlich.

Für die Kinder ist es außerdem eine besondere Art der Wertschätzung für ihre Gartenarbeit, wenn Gemüse und Kräuter in der Schulküche weiterverarbeitet werden.

Sie blicken auf eine langjährige Erfahrung als Gartenbaulehrerin zurück und haben zudem den Schulgarten selbst aufgebaut. Welche Tipps können Sie anderen Schulen mit auf den Weg geben, die ebenfalls einen Schulgarten anlegen und Elemente des Gartenbaus in den Unterricht integrieren möchten?

Der Schulgarten ist eine Herzensangelegenheit; das spürt man schnell, wenn man mit dieser Aufgabe beginnt und so erlebe ich es bei allen Gartenbaulehrern, die ich kenne, wie Herrn Schmidt. Für jeden erfolgreichen Schulgarten ist es essenziell, dass eine Person oder eine kleine Personengruppe die Zuständigkeit und Koordination übernimmt.

Diese Verantwortung und der Unterricht sollten im Deputat mit bedacht sein und nicht nur nebenher, als freiwilliger Dienst sozusagen, übernommen werden. Zudem ist es wichtig, immer wieder die ganze Schulgemeinschaft mit einzubeziehen und den Schulgarten ins Bewusstsein zu rufen.

Ein Schulgarten ist immer ein Ort der Gemeinschaft und kann nur aus der Gemeinschaft heraus entstehen. Das zeigt sich dann z. B. beim Ernten und Gießen in den Ferienzeiten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Art der Einbindung des Gartens in den Schulalltag. Es sollte nicht nur eine Garten-AG sein (das ist natürlich ein toller Anfang), sondern fest in den Unterricht integriert werden. Da muss und kann man sicher noch neue Formen finden, wobei das praktische Kochen unbedingt integriert werden sollte. Die Schülerinnen und Schüler haben daran sehr viel Freude!

Das Potential des Gartenbaus ist enorm: es kann wunderbar mit vielen anderen Unterrichtsinhalten kombiniert werden. Sei es in dem Sprachunterricht, Chemie, Physik, Mathematik, Deutsch, Geographie – überall finden sich Anknüpfungspunkte im Gartenbau. Diese Schätze gilt es zu erkennen, zu finden und zu nutzen!

Vielen Dank für diese Tipps und Einblicke! Gibt es noch etwas, das wir bisher nicht angesprochen haben, was Sie aber mit anderen Schulen teilen möchten?

Meiner Meinung nach gehört ein biologisch bewirtschafteter Schulgarten einfach zu jeder Schule mit dazu und Gartenbauunterricht sollte in jedem Lehrplan fest verankert sein. Ein Schulgarten ist für mich das Gebot der Stunde! Er liefert eine Fülle von Möglichkeiten. Das Arbeiten mit der Erde erdet die Schülerinnen und Schüler und schärft den Blick für das Wesentliche.

Ansonsten lade ich Interessierte herzlich ein, in Rücksprache mit dem Gartenbaulehrer Benedikt Schmidt, einmal vorbeizuschauen, sich inspirieren zu lassen und den Schulgarten der Freien Waldorfschule Wiesbaden kennenzulernen.

Persönlicher Erfahrungsaustausch

Ein persönlicher Austausch unter Kolleginnen und Kollegen ist immer dann besonders wichtig, wenn Schulen vor dem nächsten Entwicklungsschritt stehen und konkrete Fragen zur Erfahrung anderer Schulen mit ähnlichen Situationen haben.
 
Die Freie Waldorfschule Wiesbaden teilt ihre Erfahrungen gerne mit anderen Schulen, die sich auf den Weg machen möchten.
 
Ansprechpartner ist:

Benedikt Schmidt
Tel.: 0179 6662273
E-Mail: schmidt.b@waldorfschule-wiesbaden.de
 
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten e.V. bietet ein bundesweites Kompetenz-Netzwerk, um den Aufbau und Erhalt von Schulgärten zu fördern.

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