Auf dem Weg zu einer gesundsheitsfördernden Schule

Silvia Wittur, Leiterin der Arbeitsgruppe „Schule & Gesundheit“ spricht mit uns über den Weg der Louise-Schroeder-Schule in Wiesbaden zum Gesamtzertifikat „Gesundheitsfördernde Schule“ – eine Zertifizierung des Hessischen Kultusministeriums (HKM).

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Bunte Post-Its, die an einer Glaswand geklebt sind

Seit 2016 ist die Louise-Schroeder-Schule in Wiesbaden (kurz: LSS) eine „Gesundheitsfördernde Schule“. Sie wurde für Ihr Engagement vom Arbeitsbereich Schule & Gesundheit des Hessischen Kultusministeriums ausgezeichnet.

Bereits seit 2010 wird der gesundheitsförderliche Ansatz an der Wiesbadener Berufsschule kontinuierlich in immer mehr Bereiche des schulischen Lebens integriert. Ein entscheidender Schritt war dabei die Gründung der Arbeitsgruppe Schule & Gesundheit, die Silvia Wittur, Lehrkraft an der Louise-Schroeder-Schule, leitet.

Wie hat sich die Schule damals auf den Weg gemacht hat? Wer war an diesem Prozess (als treibende Kraft) beteiligt? Und gab es einen bestimmten Anlass?

Tatsächlich startete das Engagement im Bereich Gesundheitsförderung bereits 2006. Treibende Kräfte waren Elfie Schade und Anna Seiler sowie Katja Jäger. Diese Lehrerinnen der LSS nahmen unter anderem das Sortiment des damaligen Pausenverkaufs zum Anlass, Überzeugungsarbeit bezüglich einer gesunden Ernährung bzw. Pausenverpflegung zu leisten.

Durch das Projekt wurde eine Versachlichung des Themas angestrebt und das Sortiment des Pausenverkaufs wurde ausgewogener. Später kamen die Planung und Einrichtung eines bis heute gerne genutzten Lehrerruheraums und weitere Vorhaben hinzu.

Am 5. Mai 2010 beschloss die Gesamtkonferenz die Zertifizierung nach den Richtlinien der „Gesundheitsfördernden Schule“ anzustreben. Ich selbst bin direkt, als ich 2011 an die LSS kam, der AG Schule und Gesundheit unter der damaligen Leitung von Elfie Schade beigetreten, und engagiere mich bis heute sehr gerne in diesem Bereich. Neben der Bedeutsamkeit des Themas liegt das sicherlich auch an unserem tollen und konstruktiv zusammenarbeitendem Team.

Seit 2015 leiten Sie den schulischen Arbeitskreis „Schule & Gesundheit“. Wie kam es zur Gründung dieses Arbeitskreises? Welche Bedeutung kam und kommt diesem Gremium im Prozess der gesundheitsförderlichen Schulentwicklung – auch im Rahmen der Zertifizierung - zu? Welche Aufgaben sind mit Ihrer Funktion als Leitung dieses Arbeitskreises verbunden?

Auf die Gründung bin ich ja oben schon eingegangen. Koordination nach innen in die Schulgemeinschaft und nach außen mit externen Partnern ist eine wesentliche Aufgabe der AG Schule und Gesundheit (AG SG) und somit natürlich auch der Leitung.

Die AG SG initiiert Vorhaben, sammelt Ideen und Wünsche von Schülern und Kollegen im Bereich Gesundheitsförderung. Ich fungiere dabei insbesondere als Bindeglied zur Schulleitung, Steuergruppe, den Abteilungsleitungen und dem Förderverein. Dazu gehört es auch Fortbildner und Finanzierungsmöglichkeiten zu akquirieren, wie es zum Beispiel im Bereich unserer berufsspezifischen Präventionsmaßnahmen bei den Auszubildenden zum Gärtner geschehen ist. Dort hat die Berufsgenossenschaft einen Teil der Kosten für ein Trainingsprogramm zur Rückenschule/Ergonomie durch eine externe Trainerin übernommen.

Grundlegende Aufgaben sind naturgemäß die Vorbereitung und Durchführung der Maßnahmen zur Zertifizierung bzw. zunächst zur Erlangung der jeweiligen Teilzertifikate. In nächster Zukunft kümmern wir uns dann bereits um die im nächsten Jahr anstehende Rezertifizierung.

Eine Würdigung der Schulen mit der Gesamtzertifizierung „Gesundheitsfördernde Schule“ erfolgt, wenn gesundheitsfördernde Maßnahmen aus mindestens vier Bereichen umgesetzt und damit mindestens vier Teilzertifikate erworben werden. Ein Engagement ist in den Bereichen Bewegung & Wahrnehmung, Ernährung & Konsum, Sucht & Gewaltprävention, Verkehr & Mobilität sowie Lehrkräftegesundheit möglich. In welchen Bereichen engagiert sich die Louise-Schroeder-Schule?

Wir sind insbesondere in den Bereichen Bewegung & Wahrnehmung, Ernährung & Konsum, Sucht & Gewaltprävention sowie Lehrkräftegesundheit aktiv.

Welche konkreten Maßnahmen oder Projekte haben Sie umgesetzt? Mit welchen Ideen beschäftigen Sie sich aktuell?

Hier einige Beispiele zu den einzelnen Bereichen/Teilzertifikaten die bereits fest installiert sind:

Bewegung & Wahrnehmung

  • Bewegungseinheiten im Unterricht,
  • Völkerballturniere,
  • Sitzkissen für Klassen zum ergonomischen Sitzen im Unterricht - Anschaffung von Yogamatten, die spontan von Klassen genutzt werden können, und 
  • Beratungssysteme zur pädagogischen Betreuung, zum Beispiel auch durch UBUS (Unterrichtsbegleitende Unterstützung). 

Ernährung & Konsum

  • Aufklärung/Information im Unterricht,
  • Aufstellung eines Trinkbrunnens,
  • Sortimentsänderung beim Pausenverkauf hin zu gesunden Alternativen,
  • Restekochbuch erstellt von den Auszubildenden zum Koch/zur Köchin,
  • Einführung eines Becher-Pfandsystems zur Müllvermeidung und
  • Stromsparen mit EMI (Energie-Minderungsprogramm).

Sucht & Gewaltprävention

  • Aufklärung/Information im Unterricht oder durch externe Experten,
  • „Smokerlyzer“-Projekt der AOK zur Rauchentwöhnung/-Prävention und
  • „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“

Lehrkräftegesundheit

  • Einrichtung eines Lehrerruheraums,
  • mehrfache Teilnahme am Projekt „Mit dem Rad zur Arbeit“,
  • regelmäßige Fortbildungsangebote zum Beispiel in den Bereichen Stimmbildung, Yoga am Arbeitsplatz, Aromatherapie oder Stressbewältigung sowie 
  • Einführung der zweiten Pause als 30-Minuten-Pause.

Ganz aktuell geht es natürlich auch bei uns um die Einhaltung der Hygienemaßnahmen zur Eindämmung der Coronainfektionen sowie die entsprechende Aufklärung.

Ein nächster wichtiger Schritt für uns sind die Planung bzw. erste Schritte im Sinne einer Feedback-Kultur zur „Gefährdungsbeurteilung psychischer Gesundheit“ mit Unterstützung des Medical Airport Service. Über das Vorhaben sollte die Gesamtkonferenz im März abstimmen und eine professionelle Online-Befragung durchgeführt werden.

Bedingt durch Corona kam es nicht mehr zur Gesamtkonferenz. Wir hoffen, möglichst bald dort anknüpfen zu können. Die Auswertung der Umfrageergebnisse wird ebenfalls vom Medical Airport Service begleitet werden.

Ebenso möchten wir unsere auf Auszubildende einzelner Berufsgruppen zugeschnittenen Präventionsmaßnahmen, mit dem „Pilotprojekt“ bei den Gärtnern, auf Schülerinnen und Schüler anderer Ausbildungsberufe ausweiten. Im nächsten Jahr steht außerdem die Rezertifizierung an.

Erhalten Sie direktes Feedback von den Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrkräften zu den Projekten? Wie gestaltet sich die Feedbackkultur?

Wir sind gerade in der Planung bzw. bei ersten Durchführungsschritten einer entsprechenden Online-Befragung. Bereits installiert ist die Feedbackkultur über

  • die Gesamtkonferenz, 
  • einen informellen Austausch (aus jedem Fachbereich wurden Mitglieder in die AG Schule und Gesundheit entsandt),
  • Feedback-Bögen zu den einzelnen Fortbildungsangeboten, 
  • schriftlches und mündliches Schüler-Feedback zum Beispiel zur Umstellung des Kiosk-Angebots und 
  • das onlinestützte Easy-Eva-Evaluationsprogramm.

Bis zur Gesamtzertifizierung ist es ein weiter Weg – was sind oder waren Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen? Was hat unterstützend gewirkt und zum Erfolg beigetragen?

Die Herausforderungen waren:

  • die große Heterogenität einer beruflichen Schule, 
  • die Sortimentsgestaltung am Kiosk/Pausenverkauf (Wirtschaftlichkeit vs. Gesundheit, umliegende Verkaufsstellen), 
  • die knappe räumliche, zeitliche, finanzielle und personelle Unterstützung, 

Zum Erfolg beigetragen haben: 

  • die vielen Ideen, die von der ganzen Schulgemeinde getragen wurden und die Unterstützung durch die Schulleitung, ohne die eine konstruktive und motivierte Arbeit nicht möglich gewesen wäre, 
  • die Legitimation durch die Gesamtkonferenz (vor allem mit Blick auf die Zertifizierung),
  • eine gelingende Teamarbeit, 

Hinzu kommt, dass die LSS über den Fachbereich Gesundheit verfügt, was die Beschäftigung mit dem Thema Gesundheitsförderung positiv bestärkt hat.

Das Zertifikat ist stets für fünf Jahre gültig. Im Jahr 2021 steht daher für die Louise-Schroeder-Schule eine Re-Zertifizierung an. Wie können wir uns diesen Prozess an Ihrer Schule vorstellen?

Ich gehe von einer stringenten Weiterführung bzw. Weiterentwicklung der bestehenden Projekte aus und die Initiierung neuer Vorhaben. Speziell die Ausweitung der berufsspezifischen Präventionsmaßnahmen auf weitere Berufsgruppen sowie die Onlineabfrage zur „Gefährdungsbeurteilung psychischer Gesundheit“, stehen hier im Fokus.

Die Integration von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung in den schulischen Alltag ist eine herausfordernde Aufgabe. Welche Tipps können Sie anderen Schulen mit auf den Weg geben, die Schritte zu eine gesundheitsfördernden Schule gehen möchten?

Wichtig für den Erfolg sind: 

  • eine überzeugte und unterstützende Schulleitung,
  • Transparenz und Informationspflicht gegenüber der Schulgemeinde herzustellen und dadurch Legitimation und Unterstützung zu erfahren,
  • eine breite Basis herzustellen, das heißt, in der Arbeitsgruppe möglichst aus alle Gremien, Abteilungen, Hierarchien und Fachbereiche zu berücksichtigen,
  • sich auf bestimmte Themen und Ziele zu fokussieren und diese schrittweise zu implementieren (kein Gießkannenprinzip!), 
  • ein gutes und realistisches Zeit- und Ressourcenmanagement, 
  • viel Freiwilligkeit und Motivation sowie  
  • eine funktionierende Teamarbeit.

Vielen Dank für diese Einblicke! Gibt es etwas, über das wir bisher nicht gesprochen haben? Möchten Sie weitere Erfahrungen mit anderen Schulen teilen?

Ich kann mich nur wiederholen, die Arbeit im Feld Schule und Gesundheit ist topaktuell, lohnenswert, sinnstiftend und erfüllt im Hinblick auf unseren Bildungs- und Erziehungsauftrag sicherlich auch eine Vorbildfunktion.

Persönlicher Erfahrungsaustausch

Ein persönlicher Austausch unter Kolleginnen und Kollegen ist immer dann besonders wichtig, wenn Schulen vor dem nächsten Entwicklungsschritt stehen und konkrete Fragen zur Erfahrung anderer Schulen mit ähnlichen Situationen haben.

Die Louise-Schroeder-Schule teilt ihre Erfahrung gerne mit anderen Schulen, die sich auf den Weg machen möchten.

Ansprechpartnerin ist:

Silvia Wittur
Dipl. Gesundheitslehrerin
E-Mail: Silvia.Wittur@web.de

Webseite der Louise-Schröder-Schule 

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